Der Festakt

Der Festakt fand im vollbesetzten Gesellschaftssaal der Heilanstalt statt. Als Honoratioren nahmen teil: Stadtschultheiß Georg Schmidgall, Oberregierungsrat Reinhard Köstlin als Vertreter des württembergischen Staatspräsidenten, der Landtagsabgeordnete August Müller aus Großaspach und der Waiblinger Oberamtmann Christof Baumann. Des Weiteren waren Vertreter des Innenministeriums, der Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung und des Bezirksrats sowie die Vorstände der Stadt- und Landgemeinden der näheren Umgebung anwesend.

Schmidgall begründete in seiner Rede, weshalb man dieses Ereignis feiern müsse: „Wer seine Heimat liebt, […], beschäftigt sich mit ihrer Geschichte, und wenn in der Geschichte ein solch bedeutender Vorgang, wie der Uebergang Winnendens an Württemberg, urkundlich nachgewiesen ist, so wäre es eine Versündigung an der Heimatgeschichte und an der lebenden Generation, wollte man über einen solchen Markstein der Geschichte hinweggehen, ohne ihn ernstlich zu beachten.“ Er betonte die enge Beziehung zwischen Winnenden und Württemberg. Die Herren von Württemberg hätten ihre Getreuen durch viele Gefahren hindurch in eine bessere Zukunft geführt. Angesichts dessen seien Württemberg und Winnenden nun auf „Gedeih und Verderb“ miteinander verbunden, und man füge sich gerne „in den Verband des großen, deutschen Reiches“ ein.

Oberregierungsrat Köstlin merkte an, dass „lange Jahre hindurch Angehörige des Herrscherhauses im Schloß Winnental gewohnt haben“, wodurch das Verhältnis zwischen Winnenden und der Dynastie gefestigt worden sei. Zudem erwähnte er einige Schicksalsschläge, von denen die Stadt im Laufe ihrer Geschichte heimgesucht wurde, etwa Plünderungen im Dreißigjährigen Krieg oder den großen Stadtbrand von 1693. Wie damals gelte es nun, „aufzubauen, nicht nur Häuser, sondern unser ganzes Staatswesen und unsere Volkswirtschaft, aber auch innerlicher Aufbau tue not“. Das ganze deutsche Volk müsse zu einer „Schicksalsgemeinschaft“ zusammenstehen, damit wieder bessere Tage für Reich, Länder und Gemeinden kämen. In seiner Ansprache klingen die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und der turbulenten ersten Jahre der Weimarer Republik an, die seiner Meinung nach auch einen moralischen Wiederaufbau notwendig machten. 

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Der Festsaal des Zentrums für Psychiatrie von außen, 2009. Foto: Eberhard Furthmüller.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv
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Stadtschultheiß Georg Schmidgall amtierte von 1907 bis 1936. Foto: Unbekannt.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

August Lämmle als Hauptredner beim Festakt

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August Lämmle, 1926. Zeichnung: Emil Stumpp.

Wikipedia (gemeinfrei)
09 600-Jahrfeier_1925 Bekanntmachung Urkunde VAB

Bekanntmachung des Stadtschultheißenamts im Volks- und Anzeigeblatt vom 9. Oktober 1925. Die Einwohnerschaft bekam am Festwochenende Gelegenheit, die Verkaufsurkunde in „Urschrift“ zu betrachten.

Stadtarchiv Winnenden

Den Festvortrag hielt der Mundartdichter August Lämmle. Lämmle ist im Schwäbischen für seine Werke bis heute populär, jedoch aufgrund seiner ideologischen Nähe zum Nationalsozialismus politisch umstritten. Er betonte die Unmöglichkeit, die vergangenen 600 Jahre durch die Aufzählung historischer Daten in Worte zu fassen: „Nur die großen Ereignisse und die im Guten oder Bösen überragenden Menschen stechen wie Berggipfel und Gebirgszüge aus der Masse und dem Strom des allgemeinen Geschehens hervor.“

Salbungsvoll lobte er das landschaftliche Erscheinungsbild Winnendens: „Winnenden ist überaus freundlich und lieblich gelegen, am Rand einer fruchtbaren Ebene, mit seinen Gärten angelehnt an den schützenden Hügel. Die Schönheit der Landschaft ist Erquickung, aus ihr gewinnt das ruhelose Herz Trost und Frieden. Der Tau des Himmels und die Fettigkeit der Erde geben Brot und Wein, die glückliche Lage ermöglicht Gewerbe und Handel.“

In seinem Vortrag spannte er einen großen Bogen über die 600-jährige Beziehungsgeschichte zwischen Winnenden und Württemberg. Neben seiner Darstellung der politischen Umstände im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert nannte er die Besiedlung Winnendens durch kriegsgefangene Wenden im Frühmittelalter, die urkundliche Ersterwähnung im Jahre 1181, den Übergang der Herrschaft Winnenden an Neuffen und schließlich den Erwerb Winnendens 1325 durch die Grafschaft Württemberg. Er verlas die gesamte Kaufurkunde und setzte den Kaufpreis von rund 4.600 Pfund Heller ins Verhältnis zur 1925 gebräuchlichen Währung. So habe ein Pfund Heller nach dem damaligen Verständnis 20 Reichsmark betragen. Im Jahre 1925 hätte der Kaufpreis für Winnenden somit 92.000 Mark betragen. Spannend ist Lämmles Vergleich mit den Preisen für ein Pferd. Beinahe zeitgleich zum Erwerb Winnendens habe Graf Ulrich dem Kloster Adelberg „für ein schönes, gutes Roß 70 Pfund Heller = 1.400 Mark“ gezahlt. Rechnet man dies nun auf den Kaufpreis für Winnenden um, wäre es etwas mehr als 65 Pferde wert gewesen. Als zentral für den Aufschwung Winnendens bezeichnete der Dichter den Erwerb des Schlosses Winnental vom Deutschen Orden. Das Schloss hätte erst als Witwensitz und dann als Sitz der Nebenlinie Winnental für „viel Arbeit und Geld“ in der Stadt gesorgt.

08 600-Jahrfeier_1325 Urkunde

Am 10./14. Oktober 1325 verkaufte Konrad von Weinsberg seine „veste Winnenden, burke und statt“, an Graf Ulrich III. von Württemberg.

Reproduktion: Stadtarchiv Winnenden, Bestand Auswärtige Archive. Original: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 602 Nr. 14729

Insgesamt stellte Lämmle seinen Festvortrag unter das Motiv der Freiheit, die er nicht als etwas verstand, was jemand für sich persönlich einfordern könnte, sondern als das, „was ich meinem Nebenmenschen zugestehe“. Am Ende legte er auch eine persönliche Vision für Winnenden vor. So solle man die Stadt mit „Wohlhabenheit und Reinlichkeit und edler Kunst“ erfüllen, den Kindern eine „sonnige Jugend“ geben, sie „zu Tüchtigkeit und edler Gesinnung“ erziehen und die Alten „in Liebe und Güte“ versorgen.

Es ist erstaunlich, worüber Lämmle in seiner allgemein gehaltenen Festrede nicht oder nur wenig sprach. Das sind die ersten Industrieunternehmen Winnendens, die Bedeutung des Handels und Kleingewerbes oder des Weinbaus für die Stadt. Ebenfalls keine Erwähnung fand die Fertigstellung der Eisenbahn. Lediglich am Rande thematisierte er Ereignisse wie die Wirrungen des Dreißigjährigen Krieges, den Pestausbruch von 1626 und die Zerstörung der Stadt durch französische Truppen während des Pfälzischen Erbfolgekrieges 1693.

Ebenfalls nur flüchtig umriss er die erste urkundliche Erwähnung Winnendens. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf der württembergisch-habsburgischen Rivalität im frühen 14. Jahrhundert und speziell auf dem historischen Erwerb der Stadt Winnenden durch Graf Ulrich III. von Württemberg im Jahre 1325.

Die Rede Lämmles erfuhr positive Resonanz in der lokalen Presse. Im Nachbericht zum Festakt heißt es: „Fast eine Stunde lang hielt er seine Zuhörer mit seinen tiefgründigen Gedanken, seiner teilweise zu dichterischer Höhe gehobenen Sprache und seiner schlichten, aber eindringlichen Vortragsweise im Bann.“