Einleitung
Zwischen 1941 und 1976 half die Hebamme Helene Raith in Winnenden und Umgebung rund 6.500 Babys auf die Welt. Anlass für die Erarbeitung dieser Biographie über sie war ihr 20. Todestag am 12. Juni 2026. Zunächst wird Raiths Vita bis zum 30. Geburtstag vorgestellt. Daran anschließend interessiert ihre Hebammenausbildung. Im Mittelpunkt des Beitrags steht ihre langjährige Tätigkeit in der Geburtshilfe, wofür sie auch heute noch bekannt ist und wertgeschätzt wird. Am Ende des Textes kann ein Film angeschaut werden, in dem einige Weggefährten und Zeitzeugen zu Wort kommen.
Helene Raiths Biographie bis zum 30. Lebensjahr
Helene Raith wurde am 24. Oktober 1909 in Schwaikheim geboren. Sie war das älteste Kind des Schreinermeisters Karl Raith und seiner Frau Pauline. Mit zwei Brüdern und drei Schwestern wuchs sie in der Brunnenstraße 13 auf. Nach der Schule einstweilig Haustochter bei der Familie, zog es sie später in die württembergische Landeshauptstadt Stuttgart. Erste berufliche Stationen gehen hervor aus ihrer Personalakte bei der Heilanstalt Weinsberg und ihrem im April 1946 ausgefüllten Meldebogen zur Entnazifizierung, die beide im Staatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrt werden.
Demnach arbeitete Helene Raith 1932 und 1934 als Hausangestellte bei einer Familie La Roche. Die Angaben im Stuttgarter Adressbuch dieser Jahre deuten darauf hin, dass es sich um einen Apothekerhaushalt im Norden der Stadt gehandelt haben könnte. Raiths damaliger Wohnsitz beim Nordbahnhof würde jedenfalls von der Entfernung her dazu passen. Im November 1934 hatte sie eine Stelle als Rote-Kreuz-Helferin an der städtischen Frauenklinik in der Bismarckstraße 3 inne. Schließlich wurde sie am 1. Dezember 1934 Hilfspflegerin in der Heilanstalt Weinsberg. Infolge einer längeren Krankheit musste sie dort jedoch im Mai 1936 aufhören. Für ihre Arbeitsweise erhielt sie im Nachgang eine positive Beurteilung. Im Dienstzeugnis, das die Unterschrift von Obermedizinalrat Dr. Hugo Sayler trägt, heißt es: „Sie war stets fleissig und willig und hat in der Pflege der Geisteskranken Geschick und Verständnis gezeigt.“ Im Jahr 1938 lebte die junge Frau im Elternhaus in Schwaikheim. Über ein Verdienst verfügte sie zu dem Zeitpunkt nicht.
Ausbildung zur Hebamme (1940/41)
Ab 1. Februar 1940 besuchte Helene Raith einen Hebammen-Lehrgang von 18 Monaten Dauer an der Landeshebammenschule in Stuttgart. Die Einrichtung wurde von Obermedizinalrat Dr. Max Fetzer geleitet, der einer Arztfamilie entstammte. Im November 1939 beschrieb Fetzer auf eine Anfrage hin die Ausbildungsinhalte: „Neben einem theoretischen Unterricht von täglich einer Stunde, finden praktische Übungen wöchentlich in 4 Stunden statt. Ausserdem werden die Schülerinnen fortlaufend auf den Entbindungsstationen, den Wochen- und Kinderzimmern praktisch unterwiesen und geübt. Während zweier Monate erhalten die Schülerinnen ausserdem theoretischen und praktischen Unterricht in der Ernährung und Pflege des Kleinkinds, insgesamt 30 Stunden.“
Den mündlichen Teil der Abschlussprüfung in Raiths Kurs nahm am 11. Juli 1941 Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe ab. Der Gynäkologe war Stellvertreter von Ministerialrat Dr. Eugen Stähle im Geschäftsteil X (Gesundheitswesen) des Württembergischen Innenministeriums und in hohem Maße mitverantwortlich für die Durchführung der „Euthanasie“-Aktion im Land.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hielten diskriminierende und rassistische Maßnahmen auch in das Hebammenwesen Einzug. So versagte § 7 des Reichs-Hebammengesetzes vom 21. Dezember 1938 jüdischen Bewerberinnen die Anerkennung als Hebamme. Eine Dienstordnung vom 16. Februar 1943 verpflichtete Hebammen dazu, dem zuständigen Amtsarzt Meldung zu erstatten, wenn bei einem neugeborenen Kind der Verdacht auf angeborene Leiden wie „Idiotie“, Missbildungen oder Lähmungen bestand.
Als Hebamme in Winnenden und Umgebung (1941-1976)
Am 1. September 1941 begann Helene Raith mit dem Einverständnis des Staatlichen Gesundheitsamts Waiblingen ihre selbstständige Tätigkeit in Winnenden. Kurz zuvor war die Gemeindehebamme Luise Mayer verstorben, die 1936/37 den Lehrgang in Stuttgart absolviert hatte. Das Dienstverhätlnis einer weiteren Hebamme, Helene Schunter, wurde zum 31. März 1943 gekündigt. Im gleichen Jahr kam Else Petry nach Winnenden. Eine Erlaubnis, als Hebamme zu arbeiten, besaß zunächst auch noch Anna Bader, die laut Gemeinderatsprotokoll im August 1906, nach Vorlage des Prüfungszeugnisses, auf ihren Dienst beeidigt worden war.
Den Hebammenakten im Stadtarchiv kann entnommen werden, wie viele Geburten Helene Raith in den ersten Jahren betreute:
- 1945: 121
- 1946: 88
- 1947: 43
- 1948: ca. 80
- 1949: ca. 84
- 1950: 21 (bis zum 27. April)
Keine genauen Angaben finden sich für den Zeitraum von 1941 bis 1944. Hier ist lediglich die Rede davon, dass die Geburtenzahl ebenfalls hoch war. Der „Geburtenknick“ im Jahr 1947 wird mit der Einrichtung einer Tuberkuloseabteilung im damaligen Winnender Kreiskrankenhaus und dem dadurch eingetretenen Wegfall der Entbindungsstation erklärt. Nachdem Else Petry 1947 ihre Tätigkeit aufgrund der geringen Verdienstmöglichkeiten aufgegeben hatte, erstreckte sich das Einsatzgebiet von Helene Raith auf Winnenden und die zehn Orte Baach, Birkmannsweiler, Breuningsweiler, Bürg, Hanweiler, Hertmannsweiler, Höfen, Leutenbach, Nellmersbach und Weiler zum Stein. Da das Benzin in der Nachkriegszeit knapp war, konnte sie ihr Auto nicht immer nutzen. In diesen Fällen musste sie auf ihr Fahrrad zurückgreifen, um zu den Hausgeburten und zur Mütterberatung in der ganzen Gegend zu gelangen.
Wohl im Zuge der Wiedereröffnung einer Entbindungsabteilung im Bezirkskrankenhaus zog „Fräulein Raith“, wie sie als unverheiratete Frau nach Aussagen von Zeitzeugen genannt werden wollte, 1956 von der Marktstraße 50 in die Schorndorfer Straße 42. Direkt gegenüber vom Krankenhaus bekam sie es immer mit, wenn sie gebraucht wurde, und stand sogleich zur Verfügung. Um die Mitte der 1950er-Jahre wurde dann auch die zweite Winnender Hebammenstelle erneut besetzt. Bis 1966 war Marta Bihlmaier Raiths Kollegin. Ihr folgten Anneliese Klerner und Annelise Meser nach.
Im Staatsarchiv Ludwigsburg haben sich Hebammen-Tagebücher von Helene Raith erhalten. In den Jahren 1960, 1961, 1963, 1965 bis 1970 und 1972 begleitete sie insgesamt 2.483 Geburten, darunter einmal Zwillinge, 15 Frühgeburten sowie 16 Totgeburten. Mutmaßlich ihren persönlichen Rekord erreichte sie 1967 mit 378 Geburten. 373 dieser Babys kamen im Krankenhaus Winnenden zur Welt und fünf bei den Müttern zu Hause. Zwei Hausgeburten fanden in Winnenden statt, eine in Höfen, eine in Leutenbach und eine in Spechtshof, einem heute zu Berglen gehörenden Weiler. Interessant in Raiths Tagebüchern sind ihre Angaben zu den Ärzten, die in manchen Fällen hinzugezogen werden mussten. An Namen wie Roesler, Seiz oder Walder erinnern sich einige Winnenderinnen und Winnender nach wie vor. Dr. Christoph Roesler und Dr. Gottlob Seiz praktizierten beide während des Zweiten Weltkriegs zeitweise im psychiatrischen Reservelazarett Winnenden. Dr. Rolf Walder unternahm in den 1950er-Jahren eine Studienreise auf dem afrikanischen Kontinent und veröffentlichte dazu ein Buch.
Gleichfalls in Ludwigsburg vorhanden sind Hebammen-Tagebücher von Marta Bihlmaier, Anneliese Klerner und Annelise Meser. Bihlmaier betreute 1960, 1961, 1963, 1965 und 1966 zusammen 463 Geburten. Anneliese Klerner hatte 1967 und 1968 im Ganzen 100 Geburten. Auf Annelise Meser entfielen 1969, 1970 und 1972 199 Geburten.
Rezeption der Persönlichkeit Raiths bis in die Gegenwart
Als das Bezirkskrankenhaus in Winnenden 1976 schloss, nahm Fräulein Raith dies zum Anlass, in den Ruhestand zu gehen, obwohl sie noch gerne weitergemacht hätte. Bis zu ihrer Rente war sie ständig in Bereitschaft. Sie galt als direkt, resolut, hilfsbereit, fürsorglich und bescheiden. Den Kindern, die sie auf die Welt geholt hatte, und deren Familien blieb sie verbunden und erkundigte sich regelmäßig nach ihnen.
Zum 25-jährigen Jubiläum Helene Raiths als Hebamme in der Stadt erschien am 2. September 1966 ein Artikel in der Winnender Zeitung.
Für ihren unermüdlichen Einsatz verlieh Oberbürgermeister Karl-Heinrich Lebherz der Seniorin im Oktober 1992 die Bürgermedaille in Silber. Auch von der Presse wurde sie immer wieder gewürdigt. Über ihr 25-jähriges Jubiläum als Hebamme 1966 berichtete die Winnender Zeitung. Raiths 90. Geburtstag 1999 nahm die Zeitung zum Anlass für einen Rückblick auf ihr Lebenswerk. Am 12. Juni 2006 verstarb sie hochbetagt im Alter von 96 Jahren und wurde auf dem Winnender Stadtfriedhof beigesetzt.
Die Verleihung der Bürgermedaille in Silber an Helene Raith durch Karl-Heinrich Lebherz fand auch im städtischen Verwaltungsbericht von 1992 Erwähnung.
Rückblick auf Raiths langjährige Tätigkeit in der Ausgabe der Winnender Zeitung vom 23. Oktober 1999.
2018 entstand ein Film über die Hebamme Fräulein Raith. Produzent war Kurt Zauser, die Interviews führte Diethard Fohr. Zu Beginn kommt Raiths jüngste Schwester Fanny Schöck zu Wort. Des Weiteren berichten Mütter und Väter, die sie bei der Geburt ihrer Kinder unterstützt hatte, über Erfahrungen und Erlebnisse. Anneliese Stahl, eine Bekannte der Familie Raith, erzählt, wie sie einst Helenes Fahrrad geschenkt bekam. Den Beruf der Hebamme stellt Gabriele Schebesta aus Korb vor. Und die Zusammenarbeit mit Raith beschreibt der Arzt Dr. Hermann Daiber. Das Video wurde bereits mehrfach öffentlich gezeigt, zuletzt am 12. Juni 2026 im Albrecht-Bengel-Haus.
Michaela Couzinet-Weber, Annika Niedenhoff