01 Schwanen_1910 ca Gruppenbild

Menschengruppe in der Waiblinger Straße. Auf der rechten Seite befindet sich das Gasthaus zum Schwanen. Bei genauer Betrachtung kann man das Wirtshausschild am Gebäude sehen. Die Aufnahme entstand um 1910. Foto: Heinrich Weber.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

Gasthaus zum Schwanen

Station Stadtrundgang
02 Schwanen_1910 ca Schild

Detail aus dem Titelbild: Das Schild des Schwanen um 1910. Foto: Heinrich Weber.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

Das Gasthaus zum Schwanen war eine Schildwirtschaft. Dies bedeutete, dass die Wirte neben allen Getränken auch Speisen reichen konnten. Das Gebäude lag in der Waiblinger Straße 3, also an der alten B 14.

Die Anfänge der Gaststätte reichen wohl in die Zeit nach dem Winnender Stadtbrand von 1693 zurück. Eine zentrale Quelle für die Rekonstruktion ihrer Geschichte sind die Ehe-, Tauf- und Totenregister der evangelischen Kirchengemeinde, aus denen die Namen der Wirte und ihrer Familienangehörigen hervorgehen. Erster bekannter Schwanenwirt am Ausgang des 17. Jahrhunderts war demnach Johann David Theurer. Er lebte von 1664 bis 1745. Ihm folgte sein Sohn Johann Friedrich, der 1698 geboren wurde, aber bereits 1735 verstarb. Dessen Witwe Anna Catharina, geborene Hermann, heiratete dann den Bierwirt und Metzger Peter Bosch aus Holzhausen, heute ein Teilort von Uhingen im Landkreis Göppjngen. Bosch suchte allerdings bald das Weite. Mutmaßlich hatte er es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen. Wo er verstarb, ist nicht sicher nachweisbar.

Als nächster Wirt erscheint Johann Michael Weller aus Kleinaspach, der im Jahr 1752 in Winnenden heiratete. Eine Tochter seines Sohnes Andreas, Johanna Catharina, ehelichte Johann Georg Schlagenhauff. Dieser stammte aus Leidringen, das inzwischen ein Stadtteil von Rosenfeld im Zollernalbkreis ist. Seine zweite Ehefrau war ab 1813 Catharina Barbara Grün aus der Familie des Winnender Rotgerbers Johann Jakob Grün. Wie aus dem im Stadtarchiv erhalten gebliebenen Gebäudekataster von 1843 zu ersehen ist, ließ er das Gasthaus 1815 neu errichten. Am 4. Oktober 1848 verstarb er an einem Schlaganfall.

03 Schwanen_1813 Heiratseintrag J. G. Schlagenhauff

Heiratseintrag von Johann Georg Schlagenhauff und Catharina Barbara Grün im Jahr 1813.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abteilung Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 110 T 1 Nr. 4048
04 Schwanen_1843 Gebäudekataster

Gebäudekatastereintrag über den Schwanen von 1843. Man sieht, das immer wieder Änderungen und Streichungen vorgenommen wurden. Unter anderem kann man aus dieser Quelle entnehmen, dass auch ein Brauereigebäude dazugehörte. Bei den Realrechten ist „ mit dinglicher Wirtschaftsgerechtigket zum Schwanen“ eingetragen.

Stadtarchiv Winnenden, Gebäudekataster Winnenden Bd. II

Nach Johann Georg Schlagenhauff übernahm sein Sohn Carl Friedrich die Gaststätte zum Schwanen. Er lebte von 1810 bis 1873 und war verheiratet mit Christiane Friederike Rosine Kreppel aus Leonberg. Im Jahr 1849, kurz nach dem Tod seines Vaters, wurde das Winnender „Volks- und Anzeigeblatt“, Vorgängerorgan der Winnender Zeitung, gegründet. Dadurch bot sich den Wirten die Möglichkeit, eine breitere Öffentlichkeit über Neuigkeiten zu informieren. Vermutlich eines der ersten Inserate des Gasthauses zum Schwanen ist in der Zeitungsausgabe vom 25. Dezember 1853 abgedruckt. Darin kündigte der Wirt an, dass ab dem nächsten Tag „wieder gutes Bier ausgeschenkt“ würde, und bat „um zahlreichen Besuch“. Auch Tanzveranstaltungen machte er bekannt. So lud er auf 29. Juni 1860, den „Petri und Paul Feiertag“, zur „Tanz Unterhaltung“ ein. Zusätzliche Einnahmen brachte Carl Schlagenhauff die Vermietung von Zimmern. Anfang 1873 wohnte ein Helfer Baur im Gasthaus, dem jedoch „(i)n Folge des Eisenbahnbaues“ gekündigt wurde. 

05 Schwanen_1810 Taufeintrag C. F. Schlagenhauff

Taufeintrag von Carl Friedrich Schlagenhauff vom September 1810.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abteilung Staatsarchiv Sigmaringen, Wü 110 T 1 Nr. 4041
06 Schwanen_1844 Familienregister

Carl Friedrich Schlagenhauff heiratete am 5. November 1844 die Witwe seines Bruders, Christiane Friederike Rosine, geborene Kreppel. 

Stadtarchiv Winnenden, Familienregister Winnenden Bd. II

Schlagenhauffs Witwe führte die Wirtschaft nach seinem Tod weiter. Ein beliebtes Gericht auf der Speisekarte, das auch von einer guten Küche zeugte, war damals Bockbraten. Das Fleisch dazu stammte von einer Ziege. Zum Vergnügen der Besucher gab es in einem Nebengebäude hinter dem Haus eine Kegelbahn. Vereine nutzten den Schwanen für Versammlungen und Feste. Genannt sei der Kriegerverein Winnenden. Anlässlich des 82. Geburtstags von Kaiser Wilhelm I. am 22. März 1879 hielt er hier einen Tag später eine „Abend-Unterhaltung mit Gesangs- und musikalischen Vorträgen“ ab. 

10 Schwanen_1875 Bockbraten

Am 11. Dezember 1875 erschien diese Zeitungsanzeige, mit der zum Bockbraten-Essen in den Schwanen eingeladen wurde. 

Stadtarchiv Winnenden
11 Schwanen_1879 Kriegerverein

Der Deutsche Kriegerverein Winnenden bezeichnete das Gasthaus zum Schwanen in einem Inserat im Volks- und Anzeigeblatt am 20. März 1879 als „Vereinslokal“.

Stadtarchiv Winnenden
12 Schwanen_1876 Verkaufsaktion

Dieses Werbeinserat eines Strickwarengeschäfts in Reutlingen nimmt zwei Drittel einer Seite im Volks- und Anzeigeblatt vom 10. August 1876 ein.

Stadtarchiv Winnenden

Bemerkenswert ist, dass in den Gasträumen mehrfach Verkaufsaktionen von Wanderhändlern stattfanden. Im August 1876 etwa bot ein Strickwarengeschäft aus Reutlingen fünf Tage lang Textilien an. Als im März 1879 die Stuttgarter Geschäftsfrau Emilie Wizemann einen „Ausverkauf in Weißwaaren, Aussteuer-Artikel(n) und Kleiderstoffen“ veranstalten durfte, führte dies in der Stadt zu Reaktionen des Unmuts. Das „Volks- und Anzeigeblatt“ veröffentlichte einen Leserbrief ohne Nennung des Absenders, in dem darauf hingewiesen wurde, dass man mit „Wanderlagern“ schon schlechte Erfahrungen gemacht habe. Zum Schluss folgt der Appell: „Es dürfte deßhalb im allseitigen Interesse liegen, seine Einkäufe bei Bekannten“, also Winnender Einzelhändlern, „zu machen.“   

Bei einem Brand in der zweiten Hälfte der 1880er-Jahre wurden das Haupthaus mit Gaststätte und die Wirtschaftsgebäude stark zerstört. Am 8. März 1888 entsprach das Oberamt Waiblingen „d)em Antrag des Gemeinderats und der Ortsbauschau in Winnenden auf Genehmigung“ des Wiederaufbaus. Nach dessen Fertigstellung starb im Mai 1889 Christiane Schlagenhauff. Letzter Wirt des Schwanen wurde ihr Sohn Wilhelm Eugen Schlagenhauff. Er war im Jahr 1849 geboren worden und hatte am 16. Oktober 1888 in Hall Lisette Caroline Reichart geheiratet. 

15 Schwanen_ 1888 Baugenehmigung

Diese Genehmigung zum Wiederaufbau wurde der Schwanenwirtswitwe Christiane Schlagenhauff am 8. März 1888 ausgestellt, nachdem die Wirtschafts- und Wohngebäude durch einen Brand stark beschädigt worden waren.

Stadtarchiv Winnenden, Altakten Winnenden
19 Schwanen_1898 Beibringensinventar Fassgeschirr

Auf dieser Seite des Beibringensinventars stehen sowohl das „Schreinerwerk“ als auch das „Faß- und Handgeschirr“.

Stadtarchiv Winnenden, Inventuren und Teilungen

Nach ihrem Tod ging Wilhelm Schlagenhauff mit Caroline Rosine Herz aus Crailsheim eine zweite Ehe ein. In Württemberg wurde seit dem 16. Jahrhundert in einem Beibringensinventar erfasst, was jeder Partner bei der Heirat an Vermögen einbrachte. Das Inventar des Wirtsehepaars im Stadtarchiv belegt, dass Schlagenhauff ein wohlhabender Mann war. Er besaß Liegenschaften (Gebäude und Grundstücke) im Wert von 28.600 Mark. Hinzu kamen bewegliche Sachen (Fahrnis) wie Kleider, Küchengeschirr oder landwirtschaftliche Geräte. Die Gesamtsumme seines Beibringens betrug 33.072,97 Mark. Dies entspricht nach Umrechnung annähernd 264.600 Euro (Quelle: https://inflationhistory.com). Dem gegenüber standen Schulden in Höhe von 6.042 Mark bei der Witwe des Apothekers Gerst in Welzheim. Einige in dem Inventar verzeichnete Vermögenswerte lassen einen deutlichen Bezug zum Gasthaus erkennen, beispielsweise: 

  • ein Weinberg am Waiblinger Berg, aus dessen Trauben sicher Wein für den Ausschank gekeltert wurde,   
  • 9 Wirtschaftstafeln, 56 Stühle, 9 Bänke,
  • mehrere große Fässer,
  • 4 Eimer Wein, 4 Eimer Most (ihr Wert wird mit 400 bzw. 120 Mark angegeben, was darauf hindeutet, dass es sich um „große“ Eimer handelte, die mit einem Fass vergleichbar waren).