Fackelzug und weiterer Ablauf des Festwochenendes

Sehr euphorisch wurde der anschließende Fackelzug durch die Stadt beschrieben. Überall hätte man Ausrufe des Entzückens und der Bewunderung gehört. Am Umzug nahmen Turner, andere Sportler und Angehörige des Jünglingsvereins (Vorläuferorganisation des CVJM) unter der musikalischen Untermalung zweier Musikkapellen, die am Ende das Deutschlandlied anstimmten, teil.

Im Gasthof zur Krone klang der Abend gemütlich aus. Der Gesangsverein Urbania und ein Orchester umrahmten dieses gesellige Beisammensein musikalisch. Die Veranstaltung entpuppte sich als Festakt im Kleinen. Erneut hielt Stadtschultheiß Schmidgall eine Rede, in der er vor allem den Mitwirkenden am Festakt dankte. Ferner sprachen als Vertreter der Nachbarkommunen Stadtschultheiß Ernst Vogel aus Waiblingen und Stadtschultheiß Albert Rienhardt aus Backnang sowie für die Heilanstalt Winnental der ärztliche Direktor Rudolf Camerer. Stadtchronist Oberlehrer Gotthold Börner referierte über die wirtschaftlichen Verhältnisse Winnendens im Jahre 1542 und August Lämmle trug einige schwäbische Dialektgeschichten vor.

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Illumination des Marktplatzes am Abend des 10. Oktober 1925. Foto: Eugen Weber.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

Der Festsonntag begann mit einem Gottesdienst unter Mitwirkung des Kirchenchors und des Posaunenchors des Jünglingsvereins. Danach gaben die Stadtkapelle und der Gesangsverein Konkordia ein Konzert auf dem Marktplatz. Dem Konzert schloss sich ein Vortrag von Oberlehrer Börner über die Geschichte der Stadt an, der sich an die Schüler richtete. Schulchöre ergänzten seine Worte. Zudem verlasen zwei Schüler die Urkunde über den Kauf der Herrschaft Winnenden durch den württembergischen Grafen Ulrich III.

Das Theaterstück

15 600-Jahrfeier_1925 GR-Protokoll Theaterstück

In der letzten Gemeinderatssitzung vor dem Jubiläumsfest wurde auch das von Ernst Huber verfasste Theaterspiel thematisiert. Die Mitwirkenden sollten pro Person ein Paar Bratwürste und einen Schoppen Wein auf Kosten der Stadt erhalten. Zudem sollte der Erlös einer der Aufführungen an „hiesige Arme“ gehen.

Stadtarchiv Winnenden, Gemeinderatsprotokoll 1925

Vor der Aufführung wurde das Theaterstück „Der grimmige Kommentur“ in der Zeitung mehrfach bekanntgemacht und detailliert vorbesprochen. Autor des Fünf-Akters war Oberlehrer Ernst Huber. Zum Zeitpunkt des Stückes wirkte Huber bereits beruflich in Bönnigheim und nicht mehr in Winnenden. Der Bürgerschaft war er jedoch noch bestens durch sein Stück „Helfer Heim“ bekannt, welches anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Paulinenpflege 1923 zur Aufführung gekommen war.

Das Jubiläumsstück behandelte auf dramatische Art und Weise das Schicksal des Komturs Bernhard von Schwalbach. Er war für einige Jahre der Komtur (d.h. der regionale Vorsteher) des Deutschen Ordens in Winnenden. Sein zum Protestantismus konvertierter Vorgänger Johann von Gleichen hatte den Orden verlassen, weshalb Bernhard von Schwalbach wieder die alten, katholischen Verhältnisse vor Ort herstellen sollte. Im Laufe seiner kurzen Amtszeit gelang es ihm, sich mit den Bürgern der Stadt Winnenden zu zerstreiten. So habe er äußerst rabiat von den Bauern den Zehnten eingetrieben und einen Sattler festsetzen lassen, mit dessen Arbeit er nicht zufrieden gewesen sei. Zum endgültigen Bruch mit den Winnendern kam es, als er die Mauern des Deutschordensbesitzes erweiterte und Teile des bisherigen städtischen Allmendbesitzes mit einbezog. Infolgedessen wandten sich Bürger an den württembergischen Herzog. Dieser gab ihnen die Erlaubnis, die Mauern niederzureißen. Der Komtur wurde daraufhin vom Hochmeister des Deutschen Ordens aus Bad Mergentheim abgesetzt und durch einen anderen Komtur ersetzt.

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Theaterstück: Szene aus dem fünften Teil vor der Kulisse des Schlachtfelds bei Nördlingen. Foto: Eugen Weber.

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Die historische Geschichte wird um einige fiktive Elemente ergänzt. So erzählt das Theaterstück die unerfüllte Liebe des zölibatär lebenden Komturs zu Lotte, der Tochter des Winnender Bürgermeisters. Erdacht ist auch die Zeichnung des Sattlers als hasserfüllten Gegner des Komturs. Das Theaterstück endet mit dem Aufeinandertreffen von Bernhard von Schwalbach und seinem Widersacher, Sattler Scharf, in der Schlacht von Nördlingen im Jahre 1634, wo Schwalbach in den Armen seiner geliebten Lotte stirbt. In der Realität wirkte Bernhard von Schwalbach nach seiner Winnender Zeit andernorts als Propst und zuletzt als Dechant des Stiftskapitels zu Fulda.

Das lokale Volks- und Anzeigeblatt lobte die Aufführung. Sie hätte den „Durchschnitt derartiger Volkstücke um ein Bedeutendes“ übertroffen. Das Stück von Oberlehrer Huber sei „in flüssigen Reimen und edler, teilweise dichterisch gehobener Sprache geschrieben“ worden. Zudem verwies die Presse darauf, dass alle Rollen von einheimischen Schauspielern besetzt worden seien, die „fast durchweg gut, zum Teil glänzend gespielt“ hätten. Namentlich hervorgehoben wurden die Darsteller des Komturs Bernhard von Schwalbach, der Bürgermeisterstochter Lotte, des Sattlers Scharf und des Küchenmeisters von Brandstein sowie Dr. Curt Elwenspoek, Chefdramaturg und Regisseur am Staatstheater Stuttgart, der einige Proben künstlerisch geleitet hatte. Nicht zuletzt wurden die „prächtigen Kostüme“ und die „hübsche Szenerie“ mit Torturm und Marktplatz erwähnt. Die Mitwirkenden erhielten auf Kosten der Stadt ein Paar Bratwürste und einen Schoppen Wein für den Aufwand, der mit der Aufführung des Stückes verbunden war.

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Gruppenbild aller Mitwirkenden an dem Schauspiel. Foto: Eugen Weber.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

„Der grimmige Kommentur“ wurde noch einige weitere Male dargeboten, so am 13., 14. und 18. Oktober 1925 jeweils im Festsaal der Heilanstalt. Der Erlös aus einer der Veranstaltungen sollte an die Bedürftigen in Winnenden gehen. Dies hatte der Gemeinderat in seiner Sitzung am 9. Oktober, dem Vorabend der zweitägigen Feierlichkeiten, beschlossen. Die positive Resonanz auf das Stück zeigte sich auch daran, dass bereits im Dezember des Jahres eine Druckversion zu einem Preis von 50 Pfennig käuflich zu erwerben war.

23 600-Jahrfeier_1925 Theaterstück Wiederholung VAB

Ankündigung einer nochmaligen Theateraufführung im Volks- und Anzeigeblatt vom 15. Oktober 1925.

Stadtarchiv Winnenden
24 600-Jahrfeier_1925 Theaterstück Titelseite Druck

Titelseite des Ende 1925 in Heftform veröffentlichten Theaterstücks „Der grimmige Kommentur“. 

Stadtarchiv Winnenden, Pb 810