Bilanz und Ausblick
Bei Jubiläen wird gerne auf Erreichtes zurückgeschaut und ein Blick in die Zukunft gewagt. Auch in Bezug auf die Eisenbahn in Winnenden war und ist das der Fall. 1926, im Jahr des 50. Geburtstags des Murrbahn-Teilstücks Waiblingen-Backnang, passierte allerdings nicht viel. Möglicherweise ist dies den damaligen Zeitumständen geschuldet. Der Erste Weltkrieg und die schwierige Frühphase der Weimarer Republik lagen noch nicht lange zurück. Zudem hatte die große Feier der 600-jährigen Zugehörigkeit Winnendens zu Württemberg im Oktober 1925 die Aufmerksamkeit der Bürgerschaft auf sich gezogen. Im Volks- und Anzeigeblatt vom 27. Oktober 1926 erschienen nur wenige Zeilen der Erinnerung: „50 Jahre Eisenbahn. […] Die Eröffnung dieser Bahnlinie war die 56. seit dem 22. Oktober 1845, …“ Die Nennung dieses Datums deutet darauf hin, dass man sich in der Tradition der königlich Württembergischen Staatseisenbahn sah.
Umfangreicher fiel der Bericht zum 75-jährigen Jubiläum am 26. Oktober 1951 aus. Der Verfasser rekonstruierte die Vorgeschichte der Murrbahn bis zur Eröffnung und die Winnender Stadtentwicklung seitdem anhand historischer Zeitungsausgaben. Sein Fazit lautet: „… darf rückblickend gesagt werden, daß die Stadt Winnenden ihre heutige Blüte neben dem Gewerbefleiß ihrer Bevölkerung in erster Linie der Eisenbahn mit zu verdanken hat, die ihr den lebensnotwendigen Anschluß nach Nord und Süd, Ost und West gab und damit auch erst die Voraussetzungen dazu schuf, daß sich namhafte Firmen hier niederlassen konnten, die nicht nur allein den Wohlstand Winnendens mit begründen halfen, sondern deren Gütezeichen auch heute längst weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt sind.“
Für die Rückschau anlässlich des 75-jährigen Bahnjubiläums, die am 26. Oktober 1951 in der Lokalzeitung abgedruckt wurde, recherchierte der Verfasser in alten Ausgaben.
Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens fuhr am 24. Oktober 1976 ein Sonderzug von Waiblingen über Winnenden und Backnang in die ehemalige freie Reichsstadt Nürnberg, wo 1835 die erste Bahnstrecke Deutschlands eröffnet worden war. Zunächst gab es an den Bahnhöfen der drei erwähnten Städte im Rems-Murr-Kreis Musik und Ansprachen der Oberbürgermeister. Nach der Ankunft in Nürnberg wurde dort weitergefeiert. Rund 1.500 Menschen seien dabei gewesen, berichtete am 26. Oktober die Winnender Zeitung. Besonders gelobt wurden die „perfekte Organisation der Bundesbahn“ und die Gastfreundschaft der Stadt Nürnberg.
Der 100. Jahrestag der Eröffnung des Streckenabschnitts Waiblingen-Backnang der Murrbahn wurde am 24. Oktober 1976 in Nürnberg groß gefeiert. Zwei Tage später berichtete die Winnender Zeitung über dieses Ereignis.
Zehn Jahre später wurden das 125-jährige Jubiläum der Remsbahn und der 110. Geburtstag der Murrbahn gemeinsam begangen. Am 6. September 1986 machte der Jubiläums-Sonderzug an allen Bahnhöfen entlang der Linie Backnang-Waiblingen Station. In Winnenden hießen ihn Klänge der Stadtkapelle willkommen. „Hauptattraktion“ der Veranstaltung hier war laut Ausgabe der Winnender Zeitung vom 8. September das „Adler-Bähnle“, ein Nachbau des ersten deutschen Zuges, mit dem man zum Preis von einer Mark eine Rundfahrt machen konnte. Das Stadtarchiv Waiblingen veranstaltete vom 8. bis zum 25. September 1986 eine Ausstellung über die Geschichte der beiden Bahnlinien und brachte begleitend dazu einen Katalog heraus.
Der Nachbericht zum Jubiläum wurde in der Winnender Zeitung vom 8. September 1986 veröffentlicht.
Im Jahr des 150-jährigen Jubiläums fahren nach dem seit 12. September gültigen Fahrplan rund 235 Züge täglich von Winnenden ab. Aktuell erfolgt eine Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes „durch Pflanzung neuer Bäume für mehr natürlichen Klimaschutz und eine höhere Aufenthaltsqualität“, wie ein Plakat am Bauzaun verkündet. Bauherrin ist die Stadtverwaltung Winnenden. Seitens der Deutschen Bahn stehen vor allem Anpassungen in Verbindung mit dem Projekt Stuttgart 21 und dem sogenannten digitalen Knoten Stuttgart auf der Agenda.
Michaela Couzinet-Weber