Eröffnung des Streckenabschnitts Waiblingen-Backnang
In der Ausgabe des Volks- und Anzeigeblatts vom 29. Juni 1876 wurde angekündigt, dass „die erste Probefahrt der Eisenbahn von Waiblingen nach Winnenden am 15. Juli d. J. stattfinden“ würde. Am 11. Oktober beschloss der Gemeinderat, zur Vorbereitung der „Empfangs-Feierlichkeiten bei der Eisenbahn Eröffnung“ eine Kommission aufzustellen, bestehend aus dem Vorstand und einem Gemeinderatsmitglied. Diese sollten sich „mit den Vertretern der Gemeinde Backnang über die Art u. Weise der einzuleitenden Feierlichkeiten“ abstimmen. Zwei Tage später wurde zu dem besagten Zweck „aus der Stadtpflegekasse ein unbeschränkter Credit […] verwilligt“.
Zur Vorbereitung „der Empfangs-Feierlichkeiten bei der Eisenbahn-Eröffnung“ setzte der Gemeinderat am 11. Oktober 1876 eine Kommission ein.
Ebenfalls am 13. Oktober 1876 wurde durch Entschließung des Königs die Stationsmeisterstelle in Winnenden an den Stationsmeister und Postbesorger Wilhelm Rees in Maulbronn übertragen. Die Bekanntmachung erging, aus heutiger Sicht relativ kurzfristig, am 24. Oktober im Backnanger Murrtal-Boten. Rees zog am 13. November mit seiner Familie nach Winnenden und meldete sich am 14. November offiziell bei der Stadt an. Glaubt man den Angaben im Verzeichnis neu anziehender Personen zwischen 1872 und 1877, kamen nur der Stationsgehilfe Johannes Kauffmann und der Bahnwärter Johann Jakob Handle vor der Bahneröffnung nach Winnenden.
Am 24. Oktober 1876 wurde auf der Titelseite des Volks- und Anzeigeblatts der Termin der Betriebseröffnung des Streckenabschnitts Waiblingen-Backnang angekündigt. Und namens der bürgerlichen Kollegien forderte Stadtschultheiß Jent die Bürgerschaft zur allgemeinen Beflaggung ihrer Häuser auf.
Die Betriebseröffnung der Strecke Waiblingen-Backnang wurde auf der Titelseite des Volks- und Anzeigeblatts vom 24. Oktober 1876 bekanntgemacht. Gleich daneben erging seitens der bürgerlichen Kollegien die Aufforderung an die Bürgerschaft, ihre Häuser am Eröffnungstag zu beflaggen.
Über den Ablauf der Eröffnungsfeierlichkeiten am 26. Oktober 1876 in Winnenden existiert kein Nachbericht in der Lokalzeitung. Ergänzend musste deshalb die Ausgabe des Backnanger Murrtal-Boten vom 28. Oktober herangezogen werden. Daraus geht hervor, dass am Eröffnungstag morgens um 8.25 Uhr ein Sonderzug mit zahlreichen Honoratioren an Bord von Backnang nach Waiblingen fuhr, wo eine Gewerbeausstellung besucht wurde. Der Empfang unterwegs auf der Station Winnenden habe „einen freudigen Eindruck“ gemacht.
Auf dem Rückweg am Mittag gab es einen längeren Zwischenhalt in Winnenden. „Dort“, so ist zu lesen, „öffnete der bewährte Gasthof zur Krone seine Pforte, um die Festtheilnehmer auch leiblich zu erfreuen.“ Die Gesellschaft zählte über 250 Personen, die zu bewirten für die Wirtsleute sicher eine Mammutaufgabe bedeutete. Weiter heißt es: „Den Reigen der Tischreden und Toaste eröffnete unser Herr Oberamtmann Drescher, um dem Landesvater in gut gewählten Worten den Tribut des Dankes zu bringen, der in einem begeisterten Hoch auf S. Maj. endete. Ein Telegramm überbrachte S. Maj. diesen Dank, auf welchen gegen Abend die Antwort erfolgte.“ Der König habe „den Dank der vereinigten Festversammlung wohlwollend“ aufgenommen und wünsche, „daß alle an die neue Bahn für die Entwicklung der beiden Bezirke geknüpften Hoffnungen in Erfüllung gehen möchten“.
Im Gasthof zur Krone gab es am Tag der Bahneröffnung ein Festessen für über 250 Personen. Postkarte: Carl Schönwalter, Cannstatt.
Außerhalb der Oberämter Backnang und Waiblingen nahm die „Schwäbische Kronik“, eine in Stuttgart zusammen mit dem „Schwäbischen Merkur“ erscheinende Tageszeitung, von der Bahneröffnung in Winnenden Notiz. Diese wird in der Ausgabe vom 28. Oktober 1876 als gutes Ende einer langen Vorgeschichte beschrieben: „Nach vieljährigem Sorgen und Mühen, Ringen und Laufen um einen Schienenweg, und hiebei von unseren Backnanger Nachbarn kräftigst unterstüzt, dürfen wir uns seit der […] Eröffnung der Bahnlinie Waiblingen-Backnang endlich auch der Einreihung in den großen Weltverkehr erfreuen.“ Über den Empfang der ersten Züge wird gesagt: „Dieser berechtigten allgemeinen Freude, die sich schon durch die reiche Beflaggung der Stadt und des Bahnhofes in glänzender Weise kundgab, noch weitern Ausdruck zu verleihen, wurden die gestern früh [am 26. Oktober, Anm.] mit Tagesgrauen von Backnang und Stuttgart ankommenden ersten Züge mit Musik und Böllerschüssen, von den bürgerlichen Kollegien und dem Publikum empfangen und begrüßt.“
Am 28. Oktober 1876 unternahmen die Landtagsabgeordneten eine „Festfahrt“ auf der neuen Bahnstrecke und wurden in Waiblingen, Winnenden und Backnang herzlich begrüßt. Im Winnender Volks- und Anzeigeblatt vom gleichen Tag lud der Gewerbeverein seine Mitglieder dazu ein, „sich an dem heutigen Empfang der Abgeordneten zahlreich zu betheiligen“. Treffpunkt war um 11.30 Uhr am Rathaus, von wo aus es gemeinsam mit den bürgerlichen Kollegien, den Vereinen und den Weingärtnern zum Bahnhof gehen sollte. Ein zweites Inserat erwähnt den Schützen-, Turn-, Gesang- und Kriegerverein sowie die Feuerwehr als Mitwirkende an dem Empfang.
Über dessen Ablauf berichtete drei Tage später wiederum die Schwäbische Kronik: „In Winnenden aber war, wie es scheinen mochte, die ganze Einwohnerschaft im Bahnhof versammelt. Mit Böllerschüssen, Musik, Gesang und tausendstimmigem Hoch wurden wir empfangen. Nur kurz war der Aufenthalt und doch warteten der Gäste auch hier eine freundliche Bewirthung und herrliche Früchte des Herbstes.“
Verwaltungsgebäude der Station Winnenden in Richtung Bahnseite, 1877. Entwurf: Eduard von Alberti.
Auf der letzten Seite des Volks- und Anzeigeblatts vom 28. Oktober war der „Remsthal-Fahrtenplan vom 15. Oktober 1876 an“ abgedruckt. Er zeigt auf, dass es nach der Bahneröffnung zunächst nur wenige Verbindungen pro Tag von Winnenden in Richtung Waiblingen und Backnang gab. Auf der Strecke verkehrten außer reinen Personenzügen auch Güterzüge mit Personenbeförderung. Die damaligen Personen-Fahrpreise auf der königlich Württembergischen Staatseisenbahn erscheinen von heute aus betrachtet recht günstig. Tatsächlich waren sie aber vergleichsweise teuer. So kostete im Jahr 1883 eine Fahrt erster Klasse von Stuttgart nach Backnang 2,60 Mark und eine Fahrkarte der zweiten Klasse von Winnenden nach Sulzbach an der Murr 1,10 Mark. Für eine Übernachtung im Stuttgarter Hotel Oberpollinger in Bahnhofsnähe zahlte man dagegen lediglich 1,40 Mark.
Wie aus einem in der Lokalzeitung vom 28. Oktober 1876 abgedruckten Fahrplan hervorgeht, gab es anfangs von Winnenden aus nur wenige Zugverbindungen am Tag.
Zur Bahnstation Winnenden gehörten ein Verwaltungsgebäude, ein Nebengebäude, Gleisanlagen sowie ein Güterschuppen mit Verladerampe. Baupläne im Staatsarchiv Ludwigsburg, die alle vom 21. September 1877 datieren, lassen vermuten, dass das Bahnhofsgebäude am Eröffnungstag 1876 noch nicht so aussah, wie wir es heute kennen. Ein Datum seiner Fertigstellung haben die Recherchen bis jetzt nicht ergeben. Bemerkenswert ist: Die Pläne stammen von dem Architekten Eduard von Alberti. Er war beim Eisenbahnhochbauamt Waiblingen für den Entwurf der Bahnhofsgebäude der Murrbahn zuständig. Nach dem Backnanger Bauhistoriker Klaus J. Loderer sollte die Form dieser Gebäude an eine italienische Villa der Renaissance erinnern.
Im Volks- und Anzeigeblatt vom 26. Oktober 1876 empfahl sich der Pächter der neuen Bahnhofswirtschaft den Reisenden „mit dem besten Wein und Doppelbier, nebst warmen und kalten Speisen“. Gastwirt war der aus Salzstetten im Oberamt Horb gebürtige Anton Singer. Er kam mit seiner Frau und drei Kindern hierher. Vorher hatte die Familie in London gelebt, wie in dem schon mehrfach erwähnten Verzeichnis neu anziehender Personen zwischen 1872 und 1877 angegeben ist.
Das Gasthaus zur Eisenbahn in der Bahnhofstraße, um 1902. Postkarte: Urheber unbekannt.
Mit der Eisenbahneröffnung gingen einige Veränderungen einher. So wurde am 28. Oktober 1876 in der Winnender Lokalzeitung der Verkauf von Pferden, Droschken, Pferdegeschirren und sonstigen Requisiten durch Postverwalter Heß in Waiblingen angekündigt. Zwei Tage zuvor war die Verlegung des Postlokals in das neue Postgebäude, dem seitherigen Gasthaus zum Rössle, bekanntgemacht worden.
Bedeutung des Bahnanschlusses für die Stadtentwicklung
Die Inbetriebnahme des Teilstücks Waiblingen-Backnang der Murrbahn gab den Anstoß zur Erweiterung des Stadtbauplans. 1878 wurden neue Straßenlinien in Richtung des Bahnhofs genehmigt. Noch fast 20 Jahre sollte es allerdings dauern, bis sich die erste größere Fabrik ansiedelte. Die Gründung der Ziegelwarenfabrik Winnenden GmbH erfolgte 1897. Am 16. April 1898 berichtete das Volks- und Anzeigeblatt: „Heute steht die stattliche Fabrik“, übrigens in unmittelbarer Nähe der Bahnstation, „vollendet und betriebsfähig da.“ Und: „Man hofft, daß durch dieses Unternehmen ein Vorgang für die weitere industrielle Entwicklung unserer Stadt geschaffen, die Bauthätigkeit angeregt und überschüssigen Arbeitskräften lohnender Verdienst verschafft werde.“
Situationsplan über die genehmigten Straßenlinien gegen den Bahnhof, datiert vom 12. Juni 1878.