Fremde Eisenbahnarbeiter in Winnenden

21 150 J. Eisenbahn_1875 ca Eisenbahnarbeiter

Arbeiter Tiroler Herkunft im Bereich der heutigen Hufeisenkreuzung, um 1875. Foto: Heinrich Weber.

Original: Privatsammlung Rosa Bihlmaier, Winnenden-Birkmannsweiler. Digitalisat: Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

Der Bahnbau brachte viele fremde Arbeiter nach Winnenden. Im Stadtarchiv hat sich ein Verzeichnis neu anziehender Personen zwischen 1872 und 1877 erhalten. Darin stehen rund 380 Eintragungen im Zusammenhang mit einer Beschäftigung rund um die Eisenbahn. Einige Personen sind mehrfach erfasst, was bedeutet, dass sie mindestens zweimal bei der Stadt angemeldet waren. Bezogen auf das Geschlecht deuten lediglich 32 Eintragungen auf Frauen hin. Geboren wurden die Beschäftigten, von denen es Informationen diesbezüglich gibt, im Zeitraum von 1814 bis 1860. Als Herkunftsland ist bei 236 Eintragungen Württemberg genannt. Es folgen Bayern mit 77 Eintragungen und Tirol mit 35 Eintragungen. Eine italienische Staatsangehörigkeit hatte offenbar niemand.  

Die Berufe der Fremden reichten vom „Taglöhner am Eisenbahnbau“ über den „technischen Bahnmeister“ bis hin zum „Eisenbahn-Bauinspektor“. Ab April 1873 waren die Bediensteten des Eisenbahnbauamts die ersten, die nach Winnenden kamen. Um den Zeitpunkt der Bahneröffnung zogen das Stationspersonal und der Pächter der Bahnhofswirtschaft in die Stadt. Unterkunft fanden die Beschäftigten meist in Gasthäusern, etwa in der Krone, der Schwane oder im Stern. Aber auch private Vermieter werden erwähnt. Für das Stationspersonal stand Wohnraum im Bahnhofsgebäude zur Verfügung.

 

Als vorherige Wohnorte der neu Anziehenden sind unter anderem Waiblingen, Neustadt, Schwaikheim, Leutenbach, Nellmersbach, Maubach und Backnang angegeben. Wahrscheinlich haben sie bereits dort beim Bahnbau gearbeitet. Aus 190 Eintragungen geht der Familienstand „ledig“ hervor. Von den Verheirateten zogen manche mit Frau und Kind(ern) nach Winnenden. Insgesamt lässt sich sagen, dass die auswärtigen Eisenbahnarbeiter sehr mobil waren. Beispielhaft hingewiesen sei auf die Tiroler unter den Nummern 438 bis 443 im Verzeichnis. Sie stammten aus Tarrenz im Bezirk Imst, kamen im August 1875 hierher, waren alle als Maurer bei der Allgemeinen Baugesellschaft (einer Firma aus Stuttgart) tätig und reisten im Herbst des gleichen Jahres wieder ab. 

19 150 J. Eisenbahn_1875 Fremdenzuzug

Auszug aus dem Verzeichnis neu anziehender Personen 1872-1877. Unter Nr. 438-443 sind Eisenbahnarbeiter aus Tirol erfasst, die im August 1875 nach Winnenden kamen.

Stadtarchiv Winnenden

Die Anwesenheit der Fremden wirkte sich auf das Zusammenleben in der Stadt aus. Mina Volz-Greiner erinnert sich: „Die heißblütigen Söhne des Südens machten eine rege Aufmerksamkeit erforderlich und mußten öfters einige nach St. Rafael, im Volksmund Santraffel genannt, (Arrestlokal im Torturm), gebracht werden, wo sie bei Wasser und Brot ihre hitzigen Köpfe abkühlen konnten.“

Zeugnis von kleinen, durch Eisenbahnarbeiter verursachte Ordnungswidrigkeiten gibt das Schultheißenamtsprotokoll des Jahres 1875. Ein anschauliches Beispiel hieraus ist der Fall des 29-jährigen Alfonso Loß aus Prad am Stilfserjoch. Polizeidiener Fauser zeigte ihn am 12. Januar „wegen Nachtruhestörung (Schreien) auf der Straße beim Hirsch nachts ½ 11 Uhr am vorherigen Sonntag“ an. Loß habe erwidert: „es kann schon sein, daß ich geschrien habe, allein ich hatte einen solchen Rausch, daß ich nicht mehr wußte, was ich that.“ Es wurde beschlossen, ihm „wegen groben nächtlichen Unfugs“ eine Geldstrafe in Höhe von einem Taler aufzuerlegen.

20 150 J. Eisenbahn_1875 Nachtruhestörung

Der Eisenbahnarbeiter Alfonso Loß aus Prad am Stilfserjoch, heute zur italienischen Provinz Bozen-Südtirol gehörig, erhielt „wegen groben nächtlichen Unfugs“ eine Geldstrafe in Höhe von einem Taler. Das entsprach damals einem Wert von drei Mark (Umrechnung laut Münzgesetz vom 9. Juli 1873).

Stadtarchiv Winnenden, Stadtschultheißenamtsprotokoll 1875, Bl. 4a
22 150 J. Eisenbahn_2022 Kath. Kirche Oeffingen

Katholische Kirche in Fellbach-Oeffingen, aufgenommen 2022. In Winnenden lebende Eisenbahnarbeiter katholischer Konfession gehörten in Bezug auf Kasualien wie Taufe oder Hochzeit zu dieser Gemeinde. Foto: Michaela Couzinet-Weber.

Stadtarchiv Winnenden, Bildarchiv

Unter den Beschäftigten beim Bahnbau waren viele Katholiken. In Winnenden existierte allerdings seit Einführung der Reformation keine katholische Kirchengemeinde mehr. Wollten diese Gläubigen etwa ein Kind taufen lassen, mussten sie sich an die nächstgelegene katholische Gemeinde in Oeffingen, das heute ein Stadtteil von Fellbach ist, wenden. Anhand der im Staatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrten Zweitschrift des Taufregisters Oeffingen für die Jahre 1848 bis 1876 kann belegt werden, dass der Oeffinger Pfarrer Jettinger mehrere Male nach Winnenden kam, um eine Haustaufe vorzunehmen. Am 20. Januar 1875 taufte er sogar vier Neugeborene in einer Zeremonie. Es handelte sich um die Kinder der Eisenbahnarbeiter Petrus Bronner, Johannes Georg Gansloser, Anna Maria Weber und Agatha Wiedemann.