Einleitung
Vor 150 Jahren erhielt Winnenden Anschluss an die Murrbahn. Deren erster Streckenabschnitt Waiblingen-Backnang wurde am 26. Oktober 1876 in Betrieb genommen. Die vorliegende Ausstellung befasst sich schwerpunktmäßig mit der Vorgeschichte dieses Ereignisses und wirft einen Blick auf den Ablauf der Eröffnungsfeierlichkeiten. Darüber hinaus interessieren die Auswirkungen der Bahneröffnung auf die Stadtentwicklung. Schlaglichtartig nachgezeichnet werden außerdem wichtige Wegmarken in der Geschichte der Bahnstation Winnenden von 1876 bis in das 21. Jahrhundert hinein. Aufschlussreich ist, wie anlässlich verschiedener runder Jubiläen Bilanz im Hinblick auf den Erfolg des Bahnanschlusses gezogen wurde.
Die Anfänge der Eisenbahn in Deutschland und Württemberg
Als Mutterland der Eisenbahn gilt England. Dort eröffnete 1825 mit der „Stockton and Darlington Railway“ die weltweit erste Bahnstrecke mit Personenverkehr. Erste Vorschläge zur Errichtung eines Eisenbahnnetzes in Deutschland kamen etwa zeitgleich von dem aus Reutlingen gebürtigen Wirtschaftstheoretiker Friedrich List. Am 7. Dezember 1835 erfolgte schließlich zwischen Nürnberg und Fürth die Inbetriebnahme der ersten Zugstrecke Deutschlands.
Im Königreich Württemberg wurde zunächst die Zentralbahn in Angriff genommen, die Stuttgart mit Esslingen und Ludwigsburg verband. Am 22. Oktober 1845 fand die Eröffnung des ersten Teilstücks zwischen Cannstatt und Untertürkheim statt. Im darauffolgenden Jahr war die Gesamtstrecke vollendet. 1848 wurde die Nordbahn von Cannstatt nach Heilbronn fertiggestellt, 1850 die Ostbahn von Cannstatt durch das Filstal nach Ulm und die Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen am Bodensee. Die Westbahn in Richtung auf die badischen Städte Pforzheim und Bruchsal wurde zwischen 1850 und 1853 realisiert. Weiter ging es dann mit dem Binnenausbau. Dabei rückte auch die Erschließung des Nordostens, der bayerischen Landesgrenze entgegen, in den Blick.
Entwicklung des Eisenbahnnetzes im heutigen Baden-Württemberg 1843-1934. Historischer Atlas von Baden-Württemberg, Karte 10,4. Bearbeiterin: Ute Feyer (1958).
Bemühungen in Winnenden um Erhalt eines Bahnanschlusses
Von vereinzelten früheren Bestrebungen abgesehen, fallen die Bemühungen um den Bau einer Murrtalbahn, so der historische Name, in den Zeitraum zwischen 1856 und 1873. Am 26. Oktober 1856, genau 20 Jahre vor der Eröffnung der Teilstrecke Waiblingen-Backnang, erschien im Winnender Volks- und Anzeigeblatt ein ausführliches Plädoyer für die Errichtung einer Bahnlinie zwischen Stuttgart und Nürnberg. Eine solche Strecke sei aufgrund der Bedeutung Nürnbergs als Handelsplatz im Interesse ganz Württembergs. Der kürzeste Weg von der fränkischen Metropole nach Stuttgart führe über Crailsheim, Hall, Murrhardt, Backnang und wahlweise Winnenden-Waiblingen oder Bietigheim. Der Autor argumentierte weiter: „die Wollmanufakturen und Gerbereien in Backnang und Winnenden, und die k. Heilanstalt an letzterer Stadt, sichern dieser Bahnrichtung einen sehr bedeutenden Personen und Frachtverkehr; …“
Bereits im Februar 1857 bestand in Winnenden ein „Eisenbahn-Comité“. In den folgenden Jahren engagierten sich weitere Akteure für die Verbreitung des Eisenbahngedankens: der Gewerbeverein, der Bürgerausschuss und der Gemeinderat. Sie versuchten auf die politische Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen, insbesondere über das Einsenden von Leserbriefen an die Redaktion des Volks- und Anzeigeblatts, die Veranstaltung von Bürgerversammlungen, die Beschickung von Versammlungen außerhalb Winnendens mit Vertretern, die Formulierung von Eingaben und deren Überreichung an die Empfänger durch Abordnungen ausgewählter Persönlichkeiten (als Deputationen bezeichnet). Adressaten waren unter anderem die Gemeinden entlang der befürworteten Strecke, das Oberamt Waiblingen, der für Winnenden zuständige Landtagsabgeordnete, das Finanzministerium und das königliche Ministerium.
Aufgrund der Vielzahl an Aktivitäten kann an dieser Stelle nur auf ausgewählte Versammlungen, Beschlüsse und Deputationen eingegangen werden. Eine Zunahme lässt sich, mit zeitlicher Verzögerung, infolge der Eröffnung der Remsbahn am 25. Juli 1861 beobachten. So beschloss der Winnender Gemeinderat am 17. Februar 1863, eine Deputation aus Stadtschultheiß Jent und dem Obmann des Bürgerausschusses, Hägele, am 24. Februar zu einer Versammlung über Eisenbahnangelegenheiten nach Fornsbach im Oberamt Backnang zu schicken. Im Zeitraum vom 26. Februar bis 7. Juni erschienen im Volks- und Anzeigeblatt mehrere ausführliche Artikel, in denen für den Eisenbahnbau geworben wurde. In der Diskussion über die Streckenführung kam man zu dem vorläufigen Ergebnis, „daß von hier aus die Richtung über Hanweiler gewählt werde u. in der Nähe von Endersbach der Anschluß stattfindet“. Am 9. November entschied der Gemeinderat, diesbezüglich „eine Bitte an das k. Finanz Ministerium zu richten u. zur Ausarbeitung der Eingabe eine Commission aufzustellen“.
Am 13. Mai 1864 besuchte der Nationalökonom und Vertreter des Oberamts Aalen in der Kammer der Abgeordneten, Moritz Mohl, Winnenden, „um sich genaue Notizen über unsere Gewerbs- und Verkehrsverhältnisse zu verschaffen. Seine Anwesenheit“, so wird in der Lokalzeitung vom darauffolgenden Tag resümiert, „hat in uns die Hoffnung, bald einer Eisenbahn-Verbindung mit der Landeshauptstadt theilhaftig zu werden, gestärkt.“ Um die Betreibung der Eisenbahnfrage noch nachdrücklicher zu fördern, beschloss der Gemeinderat am 19. September eine Verstärkung des Eisenbahn-Comités um weitere fünf Personen. Und gegen Jahresende, am 21. Dezember, zeigte das Volks- und Anzeigeblatt für den gleichen Tag eine „Bürger-Gesellschaft“ zur Eisenbahnsache bei Metzger Jakob Schlehner an.
„Um in den Bestrebungen zur Erlangung einer Eisenbahn den Verkehr der hiesigen Stadt näher nachweisen zu können“, sprach sich der Gemeinderat am 13. Februar 1865 dafür aus, „den Verkehr auf den hiesigen Wochenmärkten durch verpflichtete Personen aufnehmen zu lassen“. Die ermittelte Besucherzahl stellte Moritz Mohl am 11. Dezember 1872 in der Kammer der Abgeordneten vor: „Der oben erwähnte Personenverkehr in der Richtung Winnenden, Waiblingen, Canstatt, Stuttgart dagegen hängt auch noch wesentlich damit zusammen, daß in Winnenden ein Wochenmarkt ist, der von 3-4000 Auswärtigen besucht wird, die Jahrmärkte der meisten Landstädte Württembergs übertrifft, und auf dem unter Anderem Viktualienhändler sowohl für das Remsthal als das Neckarthal und für Stuttgart einkaufen.“
Bewegung hin zu einer Entscheidung kam bei einem Empfang von Vertretern aus den Oberämtern Backnang, Gaildorf und Waiblingen durch den württembergischen König Karl am 11. Dezember 1868. Im Nachbericht des Backnanger Murrtal-Boten vom 15. Dezember heißt es dazu: „Se. Majestät der König haben am 11. ds. Mts. die von hier angeregte Deputation in Sachen der Murrthal-Eisenbahn empfangen. Dieselbe bestand aus den Herren Schmidmeister Kurz von hier als Vorstand des hiesigen Gewerbevereins, Abgeordneten Ferd. Nägele von Murrhardt und Doktor Wunderlich von Winnenden, welchen sich noch die Abgeordneten Heß von Waiblingen und Lanzberg von Gaildorf anschlossen. Die Ehre der Ansprache an Se. Majestät und Uebergabe der mit 5000 Unterschriften versehenen Bittschrift wurde dem hiesigen Deputirten, Herrn Kurz, überlassen. Se. Majestät empfing die Deputirten huldvollst und gab ihr folgenden Bescheid: Seien Sie überzeugt, ich werde Ihrem Landestheile so gerecht werden wie den anderen und werde Ihre Sache meiner Regierung zur Berücksichtigung anempfehlen und zustellen.“
Genau vier Jahre später, am 11. Dezember 1872, fiel in der Kammer der Abgeordneten mit 76 gegen vier Stimmen der Beschluss für den Bau der Strecke Waiblingen-Backnang. Am 14. Dezember teilte das Winnender Volks- und Anzeigeblatt seinen Leserinnen und Lesern mit: „Eine freudige Aufregung hat sich unserer Stadt bemächtigt in Folge eines so eben eingelaufenen Telegramms, das uns die Nachricht von der Abstimmung der Kammer der Abgeordneten […] brachte und uns die sofortige Inangriffnahme des Bau’s der Linie Waiblingen-Winnenden-Backnang zusichert.“
Seinen Abschluss fand der politische Prozess mit dem „Gesetz, betreffend die weitere Ausdehnung des Eisenbahnnetzes“ und dem „Gesetz, betreffend den Bau von Eisenbahnen in der Finanz-Periode 1870/73“, beide vom 22. März 1873. Sie beinhalteten den Bau der Murrbahn als Ganzes und die Finanzierung der Teilstrecke Waiblingen-Backnang.
Altes Ständehaus in Stuttgart. Aquarell: August Federer.