Planung und Bau des ersten Teilstücks der Murrbahn

12 150 J. Eisenbahn_1870 Bericht VAB

Bedeutung der Murrbahn im Gesetzentwurf über den Bau von Eisenbahnen in der Finanzperiode 1870/73. Artikel in der Winnender Lokalzeitung vom 12. März 1870. 

Stadtarchiv Winnenden

Schon im März 1870 hatte Karl von Varnbüler, der damalige württembergische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Vorarbeiten zur Murrbahn angeordnet. Die Realisierung des Abschnitts Waiblingen-Backnang begann 1873 und stand unter der Leitung von Oberbaurat Julius Abel. Herausfordernde Bauten im Raum Winnenden stellten die Brücken über den Zipfelbach und den Buchenbach dar. Hinzu kam die Errichtung der Bahnstation mit Empfangsgebäude und sonstigen benötigten Anlagen. 

Am 20. Februar 1873 beschlossen Gemeinderat und Bürgerausschuss, „zu den Zwecken des Eisenbahnbau Bureaus den leeren Raum im mittleren Stocke des Rathhauses baulich so herrichten zu lassen, daß die Lokalität mit Einschluß des sog. Notariats Zimmers für ein Bau Bureau ausreichen dürfte“. Dies war offenbar nicht der Fall, denn das neue Eisenbahnbauamt suchte im Volks- und Anzeigeblatt vom 19. Juli für ein „Nebenbureau“ in der Stadt ein oder zwei Zimmer zu mieten. 

14 150 J. Eisenbahn_1873 Inserat VAB

Das Eisenbahnbauamt Winnenden suchte im Volks- und Anzeigeblatt vom 19. Juli 1873 nach Räumen zur Miete für ein „Nebenbureau“.

Stadtarchiv Winnenden

In der Folgezeit kam es zwischen dem Eisenbahnbauamt und den bürgerlichen Kollegien sowie der Stadtverwaltung zu einer engen Zusammenarbeit, beispielsweise in Fragen des Grundstückserwerbs seitens der Bahn und der auf den künftigen Bahnhof bezogenen Stadtentwicklung. Die Nennung von Einzelheiten würde hier zu weit führen. Erwähnt sei lediglich, dass im Zusammenhang mit der Durchfahrtsstraße durch den Eisenbahndamm (sogenannte Hufeisenkreuzung an der Ecke Schwaikheimer Straße/Brückenstraße) zwischen der Stadtgemeinde Winnenden und der Eisenbahnverwaltung ein Konflikt ausbrach, der auch in der Lokalzeitung und in Bürgerversammlungen ausgetragen wurde. Beigelegt wurden die Differenzen letztendlich im Rahmen eines Vertrags mit der königlichen Eisenbahnbaukommission über „Erbauung einer Straße vom Eisenbahndurchlaß an bis zur Schaafgasse“, wozu von der Stadt die Hälfte der Erwerbungskosten für Grundstücke und Häuser übernommen wurde. Die bürgerlichen Kollegien genehmigten diesen Vertrag am 21. Mai 1875. 

15 150 J. Eisenbahn_1873 Situationsplan

Situationsplan der Markung Winnenden mit Bezeichnung der für den Bahnbau benötigten Grundstücke, datiert vom 31. Juli 1873.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, E 79 I Bü 1762
17 150 J. Eisenbahn_1875 Diskussion Zufahrtsstraße VAB

Im Zusammenhang mit der Durchfahrtsstraße durch den Eisenbahndamm brach zwischen der Stadtgemeinde Winnenden und der Eisenbahnverwaltung ein Konflikt aus, der auch in der Lokalzeitung ausgetragen wurde, so in der Ausgabe vom 17. März 1875.

Stadtarchiv Winnenden

Mina Volz-Greiner, eine Zeitzeugin, schreibt in ihren 1927 erschienenen „Winnender Erinnerungen aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts“ über die Vorarbeiten zum Bahnbau am Hungerberg. Demnach wurden „in Abständen die Probelöcher gemacht […], in welche große Holländerstämme eingetrieben wurden, weshalb man auch ab und zu an einem Werktag die interessante Arbeit besichtigen wollte. Da waren 16-20 Mann bei der Arbeit, die an dicken Seilen auf Kommando gleichmäßig ziehen mußten, um die schwere eiserne Katze etwa 6 Meter hoch zu heben und sie auf die Stämme niedersausen zu lassen; nach etwa 25mal kam eine Pause zum Atemholen.“

16 150 J. Eisenbahn_1874 Lieferung VAB

Ausschreibung einer Lieferung von Holz und Schnittwaren „zu den Gründungs-Arbeiten und den Gerüsten der Zipfelbach-Brücke“ im Volks- und Anzeigeblatt vom 15. April 1874.

Stadtarchiv Winnenden
18 150 J. Eisenbahn_1875 Vergabe VAB

Bekanntmachung der Vergabe von Grab-, Maurer- und Steinhauerarbeiten auf der Station Winnenden durch das Eisenbahnhochbaubüro Waiblingen im Volks- und Anzeigeblatt vom 4. Dezember 1875.

Stadtarchiv Winnenden

Während der Bauzeit des Streckenabschnitts Waiblingen-Backnang veröffentlichte das Volks- und Anzeigeblatt regelmäßig Ausschreibungen des Eisenbahnbauamts Winnenden und des Eisenbahnhochbaubüros Waiblingen hinsichtlich Lieferungen und Leistungen. Am 15. April 1874 etwa wurden Angebote erbeten für eine Lieferung von Holz- und Schnittwaren „zu den Gründungs-Arbeiten und den Gerüsten für die Zipfelbach-Brücke“. In der Zeitungsausgabe vom 4. Dezember 1875 findet sich die „Verakkordierung von Eisenbahn-Hochbauarbeiten der Station Winnenden“. Dabei ging es um Grab-, Maurer- und Steinhauerarbeiten für Trottoir, Wasserabzugsdohlen und Verladerampe.

Aus den im Staatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrten Bauhauptbüchern zum Eisenbahnbau in Württemberg geht hervor, welche Handwerker, Firmen und Dienstleister an den Arbeiten im Bereich Winnenden beteiligt waren. Mit der Beifuhr von Schienen und Schienenbefestigungsmitteln wurde unter anderen der Wirt des Gasthauses zur Krone in Birkmannsweiler beauftragt. Schlosserarbeiten erhielt Friedrich Laisle in Cannstatt, Anstricharbeiten Ludwig Schütz ebenfalls von Cannstatt, usw. 

Das Gewerbe in der heutigen Kernstadt Winnenden profitierte ebenfalls vom Eisenbahnbau. Gottfried Körner verrichtete Zimmerarbeiten an der Station Nellmersbach. Flaschner Fritz übernahm einen Auftrag an der Station Maubach, David Seeger Flaschnerarbeiten in Backnang und an den Bahnwarthäusern zwischen den Stationen. Schreinermeister Schuler reparierte die beim Depot vorhandenen „alten u. für die Stationen Winnenden, Maubach u. Nellmersbach zu verwendenden Möbelstücke“.